documenta Archiv

 Kriegslust

‚Lust auf Krieg‘ überschreibt Ulrike Knöfel im Spiegel (45/2013, S. 146) ihren Artikel, den sie der aktuellen Bonner Schau widmet. In der Bundeskunsthalle der alten Hauptstadt ist noch bis zum 23. Februar 2014 die Ausstellung Die Avantgarden im Kampf zu sehen. Denn in den Feuilletons der Leitmedien ist das Thema Krieg, genauer gesagt der sog. Erste Weltkrieg, der sich im kommenden Sommer zum einhundertsten Mal jährt, seit Monaten präsent.

Dementsprechende widmen zahlreiche Kulturinstitution im kommenden Jahr Teile ihres Programmes dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Ausstellungen, Theaterstücke und Lesungen greifen schon jetzt das Thema auf, spüren in den Kunstwerken jener Zeit die ersten Anzeichen des globalen Stahlgewitters auf oder gehen den deutlichen Spuren und Spiegelungen der Krieges in der Kunst des 20. Jahrhunderts nach.


Liebe zur Gefahr
Der Erste Weltkrieg wird von vielen als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet, denn die Dimensionen erreichten – auch fernab vom technischen Fortschritt der Waffensysteme und deren Auswirkungen, etwa die Entgrenzung der Front als Vorahnung auf den 35 Jahre später begonnenen totalen Krieg – bis dahin unbekannte Ausmaße: 70 Millionen Soldaten standen in Europa, Afrika, Asien und auf den Weltmeeren unter Waffen, 17 Millionen Menschen verloren ihr Leben.

In Deutschland wird dieser Krieg häufig mit dem umstrittenen Schriftsteller und Philosophen Ernst Jünger (1895-1998) verbunden, da er zunächst vor allem durch seine In Stahlgewittern genannten Kriegstagebücher bekannt geworden ist. Neben diesen Tagebüchern lässt sich die – heute viele zurecht irritierende – Faszination und Motivation der jungen Männer, fröhlich und mit wehenden Fahnen in den sog. vaterländischen Krieg zu ziehen, nur verstehen, wenn man sich ein genaueres Bild jener Epoche macht. Hilfreich und in letzter Zeit oft rezensiert – und aufgeführt, siehe unten – ist dafür auch Florian Illies Roman 1913: Der Sommer des Jahrhunderts.

Der Autor beschäftigt sich mit den politischen, vor allem aber kulturellen Ereignissen des Jahres vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

 

Mut, Kühnheit und Auflehnung

Viele bahnbrechende Kunstwerke und -stile sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, neben den literarischen und fotografischen Quellen können vor allem die Werke der bildenden Kunst als Spiegel der Zeit gelesen werden:

Die Werke der (deutschen) Expressionisten, der (britischen) Vortizisten, der (italienischen) Futuristen und der (französischen) Kubisten
- um nur einige der zahlreichen Ismen an dieser Stelle zu erwähnen -  können als Sinnbilder einer angespannten, nervösen, um nicht zu sagen energiegeladenen Epoche gelesen werden. Man wollte  provozieren, verstand sich als Avantgarde, deren Aufgabe es war, das Alte zu überwinden, zu zerstören um Neues schaffen zu können. Nicht zu vergessen der inmitten Krieges – 1916 in Zürich – begründete Dadaismus,

dessen Kennzeichen wiederum die Revolte war. Ein subtil-subversiver Protest gegen die etablierte Kunst – und das Wertesystem Gesellschaft ihrer Zeit – von Seiten der Künstler selbst, der sich daher auch konsequent gegen die Vereinnahmung durch die Theorie als Ismus wandte und sich stets als Dada präsentierte.   

Aufmerksame Beobachter mögen die herausziehende Katastrophe gespürt haben. Die Lust am lautstarken Zerstören des Vorhandenen im Sinne des Beginnens einer neuen Ära lag schon lange in der Luft. Besonders deutlich wird diese latente, durchaus gewaltsame Lust am Neuanfang bei den Futuristen. Bereits am 20. Februar 1909 publizierte der italienische Jurist und Dichter Filippo Tommaso Marinetti in der französischen Zeitung Le Figaro sein „futuristisches Manifest“ und begründete damit die futuristische Bewegung, die von Italien ausgehend zahlreiche Anhänger und in Europa fand. Die Wortwahl in den hier nur stellvertretend zitierten, ersten drei Punkten der Erklärung belegt die Bereitschaft, die Faszination und Bereitschaft zur gewaltsamen Revolte eindeutig:

  1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
  2. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
  3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.

Natürlich hat das documenta Archiv aufgrund seiner Geschichte, Konzeption und Ausrichtung keine Archivalien, die den Ersten Weltkrieg illustrieren können. Doch die umfangreiche Bibliothek des documenta Archivs bietet einen umfangreichen Bestand an Literatur, der es dem interessierten Besucher ermöglicht, sich ein detailliertes Bild von den Kunstwerken und dem geistigen Horizont jener Epoche zu machen, die so wesentlich für das 20. Jahrhundert ist.

Stellvertretend für die zahlreichen künstlerischen Positionen, deren Werke und Viten belegen, wie sehr die Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts mit jener Epoche verbunden ist, dem das documenta Archiv seinen Schwerpunkt widmet, sei an den tschechischen Künstler Frantisek Kupka erinnert. Kupka zog wie viele seiner Zeitgenossen als Freiwilliger 1914 sofort an die Front. Weil sein Heimatland jedoch eine neutrale Position wahren wollte, kämpfte er als Teil der tschechischen Sektion der französischen Fremdenlegion.

Kupka überlebte im Gegensatz zu Franz Marc und vielen anderen den Ersten Weltkrieg und zog später auch den zweiten großen Krieg. Auch letzteren überlebte der Künstler und war dann, 10 Jahre nach dem Ende der zweiten Katastrophe, eine jener avantgardistischen Position, die 1955 in Kassel auf der ersten documenta zu sehen war.     
  
Kommen Sie zu uns, nehmen Sie sich die Zeit für Muße. Studieren Sie das Schaffen Kupkas und seiner Zeitgenossen und reisen Sie so mit Hilfe der Bibliothek zurück zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts.

Der Katalog zur oben erwähnten Bonner Ausstellung ist natürlich schon in unserer Bibliothek: 1914 Die Avantgarden im Kampf

Auch die Systematik unserer Bibliothek bietet Ihnen zahlreiche Anknüpfungspunkte, denn sie bildet die wesentlichen Bewegungen der bedeutenden Epoche ab, etwa den Suprematismus, den Voritzimsus, den Futurismus, den Dadaismus und und und.  

Im Sinne der Vorbereitung des Themas mittels Literatur sei hier auch die Liste zur Bonner Ausstellung empfohlen: PDF Literaturliste zur Ausstellung Avantgarden im Kampf

Weitere Links zum Nachhören und -lesen:

1.    100 Jahre Futuristisches Manifest
"Wir wollen den Krieg verherrlichen"
Jochen Vorfelder berichtet über die Prediger einer brutalen Avantgarde, die rund 105 Jahren ihr Manifest veröffentlichten: „sie liebten den Tod, das Tempo, Maschinen. Sie hassten Frauen und das Establishment. Wortführer Tommaso Marinetti wurde Mussolinis Kulturminister - und kämpfte für Hitler vor Stalingrad…“

2.    "Dieser Krieg ist eine gigantische Schreibmaschine"
Der Leiter des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Ullrich Raulff, im Gespräch mit Gabi Wuttke über die Ausstellung "August 1914. Literatur und Krieg". Eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach zeigt, wie Schriftsteller den Kriegsausbruch erlebten.

3.    Ausstellung "Mythos Fliegen" Paul Klee und der Erste Weltkrieg
Julian Ignatowitsch berichtet über den Maler und Grafiker Paul Klee, der seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg in Bildern über die Fliegerei verarbeitete. Eine Ausstellung im Augsburger Glaspalast widmet sich den Werken, die er während seines Militärdienstes in den Jahren 1916 bis 1918 geschaffen hat.

4.    Illies‘ "1913" am Theater Oberhausen
Michael Laages über Vlad Massacis Inszenierung am Theater Oberhausen basierend auf Florian Illies Bestseller "1913", der aus einer Unmenge von Zitaten ein Panorama des Vorkriegsjahres bildet. Und hier finden eine weitere Rezension .

5.    noch bis zum 23.02.2014: Die Ausstellung Die Avantgarden im Kampf




Bemalter Stahlhelm, unbekannter Meister, 1917, Ausschnitt aus dem virtuellen Rundgang durch die Bonner Ausstellung, Quelle und Copyright: Bundeskunsthalle www.bundeskunsthalle.de/ausstellungen/1914-die-avantgarden-im-kampf.html

 
 Blast2Blast2
Cover der zweiten und letzten Ausgabe des britischen Magazins BLAST, http://www.english.illinois.edu/maps/poets/m_r/pound/blast.htm das Wyndham Lewis 1915 gestaltete. Quelle und Copyright: Wikipedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blast2.jpg


Lübeckische Anzeigen, Nr. 385, Ausgabe A vom 2. August 1914 (Ausschnitt) Quelle und Copyright: Wikimedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HL_Damals_%E2%80%93_L%C3%BCbecker_Anzeigen.jpg