Das Archiv der Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen

Quellen zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg

Gunnar Richter

Die Gedenkstätte Breitenau befindet sich ca. 15 km südlich von Kassel in Guxhagen auf dem Gelände des ehemaligen Benediktinerklosters und späteren Arbeitshauses Breitenau. In der Gedenkstätte wird an die Opfer und Verfolgten des ehemaligen frühen Konzentrationslagers (1933/34) und des Arbeitserziehungslagers (1940-1945) der Geheimen Staatspolizei Kassel erinnert, die während der NS-Zeit parallel zum damaligen Arbeitshaus bestanden haben. In den übrigen Gebäuden auf dem Gelände befinden sich heute ein Wohnheim und eine Rehabilitationseinrichtung der Vitos Kurhessen für seelisch kranke Menschen. Die Gedenkstätte Breitenau ging aus einem Forschungsprojekt an der Universität (Gesamthochschule) Kassel hervor und wurde 1984 als Gedenk- und Bildungsort gegründet. In der Gedenkstätte befinden sich eine künstlerisch gestaltete Dauerausstellung, ein Medienraum, in dem man u.a. einen Einführungsfilm sehen kann, eine Präsenzbibliothek und ein Archiv. Außerdem sind in der ehemaligen Klosterkirche noch bedeutsame historische Hafträume aus der NS-Zeit erhalten.


Zur Geschichte Breitenaus während der NS-Zeit

Sowohl das frühe Konzentrationslager als auch das Arbeitserziehungslager während des Zweiten Weltkrieges waren zentrale Haftstätten der Geheimen Staatspolizei für Gefangene aus dem gesamten Regierungsbezirk Kassel, der damals ganz Nord- und Osthessen (bis nach Hanau) umfasste. In dem frühen KZ, das neun Monate bestand, waren 470 überwiegend politische Gegner (Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter) aus etwa 140 hessischen Orten inhaftiert. Unter den Gefangenen befanden sich aber auch 22 jüdische Männer, die aus rassistischen Gründen verfolgt worden sind. In dem Arbeitserziehungslager während des Zweiten Weltkrieges waren etwa 7.000 ausländische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen inhaftiert, die sich dem Arbeitseinsatz widersetzt oder gegen NS-Verordnungen verstoßen hatten. Sie sollten durch Misshandlungen, Terror und Schikanen für den bedingungslosen Arbeitseinsatz gefügig gemacht werden. Außerdem waren in dem Lager auch etwa 1.300 deutsche Gefangene inhaftiert, die aus unterschiedlichsten Gründen verfolgt worden waren. Unter ihnen befanden sich politische Gegner, evangelische und katholische Geistliche, Menschen, die gegen NS-Normen verstoßen hatten sowie Juden und Jüdinnen, die aus rassistischen Gründen verfolgt worden sind. Von diesen über 8.000 Gefangenen wurden etwa 1.800 in verschiedene Konzentrationslager deportiert, so u.a. nach Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau, in das Frauen-KZ Ravensbrück und auch nach Auschwitz. Unter den nach Auschwitz Deportierten und Ermordeten befand sich Lilli Jahn, die Mutter des späteren Bundesjustizministers Gerhard Jahn. Unmittelbar vor Kriegsende wurde von der Gestapo und SS noch ein Massenmord an 28 Gefangenen verübt.

 

Archivbestände der Gedenkstätte Breitenau

Das Archiv der Gedenkstätte Breitenau bietet vor allem die Möglichkeit, sich mit vielen Einzelschicksalen von ehemaligen Gefangenen auseinander zu setzen. Gleichzeitig können darüber auch vielfältige regionale Bezüge zu etwa 1.000 letzten Wohnorten der ehemaligen Verfolgten hergestellt werden.

Im Archiv der Gedenkstätte Breitenau befinden sich als Leihgabe des Archivs des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen die personenbezogenen Unterlagen von den Gefangenen des frühen Konzentrationslagers (1933/34) und des Arbeitserziehungslagers Breitenau (1940-45). Sie gehören zum Bestand 2 [Breitenau], des Archivs des LWV-Hessen.
In Bezug auf das frühe Konzentrationslager handelt es sich dabei um das Aufnahmebuch des Konzentrationslagers und eine umfangreichere Akte mit den Belegungsmeldungen in Form von Listen (den Zu- und Abgängen der Gefangenen sowie der Wachmannschaften).
Von dem Arbeitserziehungslager (1940-45) existieren etwa 3.000 Akten von einzelnen Schutzhaftgefangenen sowie ein gesondertes Frauenaufnahmebuch für die Zeit von November 1943 bis in die Nachkriegszeit. Außerdem gibt es das Hauptaufnahmebuch von 1898 bis Ende 1944, in dem auch die männlichen und weiblichen Gefangenen des Arbeitserziehungslagers bis Ende 1944 eingetragen sind.
Über diese Leihgaben vom LWV-Archiv hinaus befinden sich im Archiv der Gedenkstätte Breitenau zahlreiche weitere Dokumente von ehemaligen Gefangenen, die im Rahmen der Forschungen zur Geschichte der beiden Lager zusammengetragen wurden.

Um sich mit Einzelschicksalen von Gefangenen, mit verschiedenen Aspekten der Lagergeschichte und mit regionalen Bezügen zu ihrer Heimatregion auseinander zu setzen, wurde eine umfangreiche Dokumentensammlung zusammengestellt. Sie besteht aus Regionalordnern zu allen nord- und osthessischen Kreisen, aus denen in der NS-Zeit Gefangene nach Breitenau kamen und aus Kopien von Gefangenenakten, die die vielfältigen Haftgründe und Verfolgtengruppen anhand von Einzelschicksalen darstellen. Darüber hinaus gibt es inzwischen 60 Informationsordner zu einzelnen deutschen und ausländischen Gefangenen mit Interviews, Beiträgen und Berichten über deren Schicksal sowie eine Zusammenstellung von Akten ehemaliger Gefangener aus mehr als 30 hessischen Städten, Gemeinden und Regionen. So können sich beispielsweise Besucherinnen und Besucher aus Kassel, Marburg, Fulda, Hanau und vielen anderen Orten des damaligen Regierungsbezirkes mit zusätzlichen Einzelschicksalen von Gefangenen aus ihren Heimatorten befassen. Darüber hinaus gibt es mehrere Informationsmappen zu Tätern und Mittätern, insbesondere zu Angehörigen der ehemaligen Geheimen Staatspolizei Kassel, die es ermöglichen, sich mit deren Biografien auseinanderzusetzen. Außerdem gibt es zahlreiche Dokumente und Fotos zur Geschichte der ausländischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen während des Zweiten Weltkrieges in Kassel und der nordhessischen Region sowie zur Geschichte der ehemaligen Jüdischen Gemeinde Guxhagens. 

Verschiedene Berichte, Dokumente und Fotos beziehen sich auch auf das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Nachkriegszeit.  

Die Gedenkstätte verfügt außerdem über eine umfangreiche Bibliothek mit vielen Veröffentlichungen zu den unterschiedlichsten Bereichen der NS-Zeit, unter denen auch zahlreiche regionalgeschichtliche Publikationen zu Städten und Gemeinden aus ganz Hessen enthalten sind.

 

Literaturhinweise:

Dietfrid Krause-Vilmar: Das Konzentrationslager Breitenau. Ein staatliches Schutzhaftlager 1933/34. 2. Durchgesehene Auflage, Marburg/Lahn 2000.

Gunnar Richter: Das Arbeitserziehungslager Breitenau (1940-1945). Ein Beitrag zum nationalsozialistischen Lagersystem, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2009.

Gunnar Richter (Hrsg.): Breitenau – Zur Geschichte eines nationalsozialistischen Konzentrations- und Arbeitserziehungslagers, Verlag Winfried Jenior, Kassel 1993.

Gunnar Richter: Die Gedenkstätte Breitenau als außerschulischer Lernort, in: Themenausgabe der Internet-Zeitschrift „Schulpädagogik-heute“, www.schulpaedagogik-heute.de, Themenschwerpunkt „Außerschulische Lernorte“ (Ausgabe 11/2015, Publikationen: 1.3.15).

Gunnar Richter (Red): Die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen bei Kassel. Ein Leseheft, Dritte überarbeitete und ergänzte Auflage, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2002. (Die Broschüre ist kann auf der Homepage der Gedenkstätte Breitenau kostenlos herunter geladen werden.)

Stephan von Borstel, Dietfrid Krause-Vilmar: breitenau 1933-1945. Bilder, texte, dokumente – images, texts, documents, kassel university press GmbH, Kassel 2008
(Es handelt sich um einen erweiterten Ausstellungskatalog auf Deutsch und Englisch.)

 

Weitere Informationen sind auf der Internetseite der Gedenkstätte Breitenau enthalten: www.gedenkstaette-breitenau.de


A Kassel
Schutzhaftbefehl von Sofie Schnitzler. Sie wurde am 26.12.1942 in Auschwitz ermordet. (LWV-Archiv, Best. 2, Nr. 6944)


Breitenau Landesarbeitsanstalt-Breitenau
Die Landesarbeitsanstalt Breitenau Ende der 30er Jahre, in der 1940 das Arbeitserziehungslager eingerichtet wurde. (Archiv der Gedenkstätte Breitenau)


Breitenau-Zwangsarbeiter Henschel-Lager
Ausländische Zwangsarbeiter im Henschel-Lager Struthbachweg (Archiv Gedenkstätte Breitenau)


Breitenau Schutzhaftbefehl-Jan A
Schutzhaftbefehl von Jan A. Er wurde von Breitenau in das KZ Sachsenhausen deportiert. (LWV-Archiv, Best. 2, Nr. 4816)


Breitenau Haftschreiben Soja-W
Haftschreiben der Gestapo Kassel gegen die 15jährige Soja W. (LWV-Archiv, Best. 2, Nr. 7449)