documenta Archiv

Die documenta und der Zweite Weltkrieg
Gerd Mörsch

Die Geschichte der documenta ist untrennbar mit der des Zweiten Weltkrieges verbunden. documenta-Gründer Arnold Bode formulierte in einem Exposé zum Charakter der Ausstellung: "Ihre Aufgabe bestünde (...)  darin, Auskunft darüber zu geben,  welche  Werke, bzw. welche künstlerischen Gesinnungen den Ausgangspunkt für das geben, was wir <Kunst der Gegenwart> bezeichnen."

Die Basis der Kunst der Gegenwart im Jahre 1955 war die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, jene Kunst, die unter den Nationalsozialisten verfemt und aus den deutschen Museen entfernt wurde. Zeitzeugeninterviews mit Besuchern der ersten documenta Ausstellungen im Rahmen des Projektes Meine documenta belegen eindeutig, wie fremd jene Kunst vielen Deutschen aufgrund der verheerenden Kulturpolitik des Dritten Reiches geworden war.

Kunst für die Orientierung der Jugend

In diesem Sinne heisst es im Kölner Stadtanzeiger vom 19. Juli 1955, drei Tage nach der Eröffnung der ersten documenta Ausstellung: 'Die Älteren, in ihrer Entwicklung weniger entscheidend durch das nationalsozialistische Kulturdiktat und den zweiten Weltkrieg betroffen, konnten nach 1945 bereits auf ein aus eigener Erfahrung gewonnenes Bild der Kunst unseres Jahrhunderts zurücksehen. Von hier aus steckten sie die Positionen ab, an denen sich die Jungen und Jüngsten sich neu orientieren konnten.'

Doch der Zweite Weltkrieg spiegelt sich nicht nur in den ausgestellten Kunstwerken oder offensichtlich nur notdürftig wiederhergestellten, kriegsversehrten Gebäuden - das Fridericianum und die Orangerie - der frühen documenta Ausstellungen. In allen folgenden und besonders auch letzten, der 13. documenta aus dem Jahre 2012, für die das Konzentrationslager Breitenau einen thematischen Schwerpunkt bildete, finden sich zahlreiche Kunstwerke, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg bzw. dem Faschismus und den Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft auseinandersetzen.

documenta = 60 Jahre künstlerische Auseinandersetzung mit Krieg, Faschismus und Gewaltherrschaft

Daher bietet das documenta Archiv mit seiner Bibliothek, seinem Medien-, Akten- und Pressearchiv für Forschende eine einzigartige Fundgrube, die zeigt, wie omnipräsent der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus im Sinne der These von Kunst als Spiegel von Zeit und Gesellschaft in den Beständen des Archivs ist. Abschließend folgt eine Liste von Kunstwerken aus allen dreizehn documenta Ausstellungen, die es Ihnen erleichtert, schnell Werke zu finden, die die These der Omnipräsenz des Themas in den documenta Ausstellungen und somit auch in den Beständen des documenta Archivs eindeutig belegen.

Hochaufgelöste fotografische Aufnahmen wie die hier eingefügte von Günther Becker, welche die hoch symbolische, zentrale Positionierung der Knienden von Wilhelm Lehmbruck im Fridericianum 1955 zeigt,  sowie Pressestimmen der Ausstellungen documenta 1 - 5 finden Sie in unserer Datenbank www.mediencluster-documenta.de. Anfang 2015 werden die fotografischen Dokumentationen der documenta 6 - 12 hinzugefügt. Schauen Sie doch mal in unsere kostenlose und für jeden zugängliche Datenbank www.mediencluster-documenta.de oder gerne auch persönlich bei uns im Archiv vorbei, Stöbern und Forschen ist herzlich willkommen!

60 Jahre documenta Ausstellungen, 60 Jahre künstlerische Auseinandersetzung mit Krieg, Faschismus und Gewaltherrschaft: die erste documenta 1955 - Wilhelm Lehmbruck: Kniende, documenta II - Ossip Zadkine: La Ville Détruite, documenta III - Max Beckmann: Die Barke,  documenta 4 - Fernandez Arman: Home, Sweet Home, documenta 5: Vettor Pisani: L'Eroe da Camera, documenta 6: Werner Tübke: Lebenserinnerungen Dr. jur. Schulze III, documenta 7: Anselm Kiefer: Märkischer Sand, documenta 8: Robert Morris: Ohne Titel, documenta IX: Bruce Nauman: Anthro/Socio, documenta X: Reinhard Mucha: Wartesaal, documenta 11: Tania Bruguera: Ohne Titel, documenta XII : Inigo Manglano-Ovalle: Phantom Truck, documenta (13): Sanja Ivekovic: Disobedient.
 


documenta Lehmbruck-d1
Diese selbst schon als Kunstwerk zu betrachtende Fotografie von Günther Becker zeigt, wie theatralisch und zentral das Werk Kniende (1911) von die Wilhelm Lehmbruck von Bode im Erdgeschoss des Fridericianums positioniert wurde. Wer in das nur notdürftig wiederhergestellte Gebäude trat, wurde sofort mit der demütigenden Geste in Form der berühmten Knienden eines von den Nazis verfemten Künstlers konfrontiert. Außerdem zu sehen sind auf dieser Aufnahme Oskar Schlemmers Fünfzehnergruppe (1929), sowie Lehmbrucks Skulpturen Badende (1914) und Mutter und Kind (1917/18). Copyright: documenta Archiv, Günther Becker, Wilhelm Lehmbruck / VG Bild-Kunst, Oskar Schlemmer / VG Bild-Kunst.


documenta sanja ivekovic d13
Dieses Bild ist eine digitale Kopie aus dem Katalog der dOCUMENTA (13), Seite 154. Die künstlerischen Beiträge der Künstlerin Sanja Ivekovic werden mit einem Text erläutert und mit einem von Ivekovic ausgesuchten Bild illustriert. Das Bild stammt aus der Hessischen Volkswacht aus dem Jahre 1933 und zeigt eine Szene auf dem Opernplatz in Kassel:Ein von Stacheldraht umgebener Esel als Symbol für das Schicksal, das widerspenstige Bürger erwartet, die weiterhin in Geschäften jüdischer Besitzer einkaufen.