Bundesarchiv des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V.

„Eine Zeit, die keine festen Maßstäbe mehr kannte“.
Der Zweite Weltkrieg und das Pfadfinden

Irmtraud Baier

Hinter uns liegt eine Zeit, die keine festen Maßstäbe mehr kannte […] Die Menschlichkeit und die Liebe versagten. Grauenhafte Dinge stürzten ein Volk in unermeßliche Schuld. Dein Volk. Mein Volk.“ So heißt es 1958 in Jungenland, der bundesweiten Zeitschrift der Christlichen Pfadfinderschaft (CP), einer der Vorgängerbünde des heutigen VCP. Die Leser des Jungenland-Heftes waren Jungen etwa zwischen 12 und 17 Jahren. Die September-Ausgabe 1958 ist ganz dem Thema Judenvernichtung in der Nazizeit gewidmet; auf dem Titel erscheint eine brennende Synagoge. Im oben zitierten, einleitenden Text heißt es weiter: „Und wir sind mitschuldig. Mögen wir es versäumt haben, den Nachbarn zu schützen, als die Gestapo ihn wegholte, mögen wir noch so jung sein, daß wir nach menschlichem Ermessen wirklich nichts hätten tun können, um den Bruder zu retten: wir stehen mitten in unserem Volk, das schuldig geworden ist; wir sind Deutsche und haben durch Generationen Schuld zu tragen.“ (S. 196).

Zuvor zeigten die ab 1947 erscheinenden  Hefte der Jungenland-Zeitschrift vor allem Versuche, der verunsicherten Pfadfinder-Jugend neue Orientierung zu geben. Aktuelle Fragen waren die Ost-West-Teilung, die damit einhergehenden Flüchtlingsströme und die Grundsatz-Diskussion, was das Deutsch-Sein für die jungen Pfadfinder um 1950 bedeuten könne. Einem von Trommel und Fanfaren schwärmenden Jungen entgegnet Jungenland scharf: „Wir können nicht früh genug deutlich machen, daß wir unser Volk lieben, und deswegen jeder durch Radau und Alkohol erzeugten , Nationalen Begeisterung‘ entgegentreten.“ (1955, Heft 2, S.48).
Die CP war 1937 durch die NS-Regierung verboten worden, weil diese neben der Hitlerjugend keine Jugendarbeit duldete. Auch die beiden anderen Vorgängerinnen des VCP, die Tatgemeinschaft Christlicher Pfadfinderinnen (TCP) und der Evangelische Mädchen-Pfadfinderbund (EMP), hatten unter dem Nazi-Regime nicht legal weiterarbeiten dürfen.

Die leitenden Mitglieder der CP, die meisten als Soldaten kämpfend,  verständigten sich in den Kriegsjahren durch Rundbriefe über ihren Verbleib. Auch die Frauen des EMP hielten inoffiziell Kontakte zueinander. Unter den bayerischen TCPerinnen gab es Gruppen, die sich nach dem Verbot 1937 als Flötenkreise getarnt weiter trafen. Wegen der Überwachung durch Gestapo und Hitlerjugend gingen die Mädchen immer nur in Abständen und zu zweit von den Treffen nach Hause. Ab 1941 wurden im engsten TCP-Kreis die Urselbriefe herumgeschickt: Informationen über christliche Lebensführung und pfadfinderisches Handwerk konnten in den an „Ursel Unbekannt“ adressierten Schreiben weitergegeben werden. Um niemanden zu gefährden, durfte davon nicht einmal die engste Familie erfahren. Der Wunsch einiger TCP-Frauen nach einem gemeinsamen geistlichen Leben war so stark, dass sie sich Ostern 1942 in aller Heimlichkeit zum Bund Casteller Ring zusammenschlossen, einem bis heute blühenden evangelischen Orden. Erhalten hat sich im VCP-Bundesarchiv eine Liste mit dazugehörigen Adressen mit dem Hinweis auf Vertraulichkeit.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es bei CP,  TCP (dann BCP genannt) und EMP bald Initiativen zu einer Wiederaufnahme ihrer Arbeit. Die Alliierten und die Bevölkerung galt es zu überzeugen, dass die pfadfinderische Jugendarbeit mit Trachten und Fahnen keinesfalls in der Tradition der nun verhassten Hitlerjugend stehe: Vielmehr habe umgekehrt die NS-Führung die erfolgreichen älterem Konzepte des Pfadfindens in die Hitlerjugend übernommen.

Pfadfinden als weltweite Bewegung, über Grenzen und Nationalitäten hinweg – friedensstiftend! 1946 fiel dieser Gedanke den Menschen Europas und der Welt sicher nicht leicht. Ausgerechnet jetzt gaben die Boy Scouts of America ein Buch heraus, das Pfadfinderinnen und Pfadfinder jenseits aller Kriege immer verbunden hat: Scouting for Boys (1908) vom Gründer der Bewegung Robert Baden-Powell. Der Direktor der Boy Scouts wünscht sich im Vorwort, dass dieses Buch –  „World Brotherhood Edition“ genannt  – das Gute im Menschen wieder hervorbringen möge: „honesty and charity and helpfulness“.

Ein Beispiel für das pfadfinderische Selbstverständnis in der Nachkriegszeit ist der Berliner Kindergarten für Flüchtlinge aus den Ostgebieten, der 1954 bis 1962 arbeitete. Den Anstoß dafür gab eine großzügige Spende der schwedischen Pfadfinderinnenschaft für die deutsche Flüchtlingsarbeit. Schwedische und deutsche Pfadfinderinnen (EMP) richteten im West-Berliner Flüchtlings-Lager Friedelstraße einen festen Kindergarten mit zwei Erzieherinnen ein. Durch Spendenaufrufe konnte alles Nötige wie Möbel, Kleidung, Spielsachen und Bastelmaterial gesammelt werden. Ältere Flüchtlingsmädchen und EMPerinnen halfen ehrenamtlich bei der ganztägigen Betreuung der über 200 Kinder, für die es im Lager sonst keinen Ort gab.

In einer interaktiven Zeitleiste kann man die Geschichte des christlichen Pfadfinders von ihrem Anfang 1909 über die Verbotszeit bis zum Wiederbeginn nach dem Zweiten Weltkrieg in Daten, Bildern und Filmen nachvollziehen: Zeitleiste.

Weitere Dokumente dieser Zeit können gern nach Vereinbarung eingesehen werden im
Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) e.V.
VCP-Bundesarchiv
Wichernweg 3
34121 Kassel
Tel.: +49 (0) 561 78437 -27
Internet: Was wir tun; Pfadfinden
 


Pfadfinderarchiv-EMPerinnen Fluechtlings-Kinder Berlin 1960
EMPerinnen betreuen Flüchtlings-Kinder in Berlin, um 1960 (VCP-Bundesarchiv)


Pfadfinderarchiv Brotherhood Edition 1946
World Brotherhood Edition von 1946 (VCP-Bundesarchiv)