Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen

Quellen zum Ende des Zweiten Weltkrieges und zum Neubeginn ab 1945 (Regierungsbezirk Kassel)

Christina Vanja

Forschungsstand

Das Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV) beherbergt wesentlich Unterlagen zur Geschichte der Armen-, Behinderten- und Krankenfürsorge seit dem frühen 16. Jahrhundert. In Nordhessen erfolgte seit 1867 diese auch überörtlich in kommunaler Trägerschaft. Zuständig war der Bezirkskommunalverband Kassel mit Sitz im Ständehaus. Neben sozialen Themen war der Verband auch für Landstraßen und Kleinbahnen, Landeskreditkasse und Brandversicherungskasse sowie für die Landesbibliothek und den Denkmalschutz verantwortlich. Im Archiv des LWV sind aber mit wenigen Ausnahmen nur Unterlagen aus dem sozialen Aufgabenbereich zu finden, da bei Gründung des Verbandes 1953 die Registraturen aufgeteilt wurden. Weitere Akten befinden sich insbesondere beim Hessischen Staatsarchiv Marburg.

Die Jahre des Nationalsozialismus waren für arme, „verwahrloste“ und straffällig gewordene Menschen, für Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten sowie ganz besonders für Fürsorgeempfänger jüdischer Herkunft aufgrund der Rassepolitik der Nationalsozialisten in vielerlei Hinsicht katastrophal. Sie alle galten als „minderwertig“ oder sogar als „lebensunwert“. Zwangssterilisationen, Inhaftierungen und schließlich vor allem der Krankenmord betrafen tausende von Menschen aus Nordhessen. Opfer von Zwangssterilisationen wurden u. a. Jugendlichen der Taubstummenanstalt in Homberg/Efze und des Fürsorgeerziehungsheims Karlshof in Wabern. Opfer der NS-„Euthanasie wurden vor allem Patientinnen und Patienten aus den Landesheilanstalten Haina, Marburg und Merxhausen. In der Korrektionsanstalt Breitenau inhaftierte und drangsalierte die Gestapo zusammen mit der Anstaltsleitung Regimegegner, jüdische Menschen und Zwangsarbeiter; Breitenau war Station beim Transport in ein KZ oder Vernichtungslager.

Für diese öffentlichen Einrichtungen war der Bezirkskommunalverband Kassel zuständig, der seit 1933 allerdings keine demokratische Legitimation (Kommunallandtag) mehr besaß und direkt dem Oberpräsidenten zugeordnet war. Seit 1936 hatte ein SS-Standartenführer, Wilhelm Traupel (1891-1946), als Landeshauptmann die Leitung inne. Verwaltungsstellen wurden unter Vortäuschung einer angeblichen „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ mit zahlreichen Nationalsozialisten besetzt. Seit 1991 ist im Kasseler Ständehaus zur Erinnerung an die Mitwirkung der Verwaltung bei NS-Verbrechen eine Gedenktafel angebracht.

Die Kriegsjahre betrafen die psychiatrischen Einrichtungen – abgesehen von allgemeiner Unterversorgung und den Verlegungen in Krankenmordanstalten - weiterhin durch die Einrichtung von Reservelazaretten, welche in Krankengebäuden untergebracht wurden und das ohnehin durch Einziehung zum Kriegsdienst verknappte Krankenhauspersonal beanspruchten. Nach den Bombenangriffen von 1943, die auch das Ständehaus beschädigten, zogen zudem Teile der Verwaltungen in den Landesheilanstalten ein. Schließlich verlegte man Altersheime aus den Städten in ländliche Einrichtungen.

Mit dem Wiederaufbau des vom Bezirkskommunalverband zum Kommunalausschuss zusammengeschrumpften Trägers der überregionalen Kommunalaufgaben in Nordhessen hat sich Walter Mühlhausen in einem größeren Aufsatz zu den Jahren 1945 bis 1953 eingehend befasst. Das Parlament (der Kommunallandtag) wurde nicht wiederhergestellt. Die Leitung übernahmen Kommunalpolitiker aus den verschiedenen Kreisen des Regierungsbezirks. Landeshauptmann wurde (nach der Entlassung und Inhaftierung von Wilhelm Traupel) der Sozialdemokrat und NS-Verfolgte Georg Häring (1885-1973). Die Entnazifizierung betraf die Hauptverwaltung ebenso wie die Einrichtungen und führte zu zahlreichen Entlassungen. Prozesse mit Verurteilungen wurden allerdings nur gegen die Verantwortlichen in Hadamar geführt.

Der Kommunalausschuss stand vor vielfältigen Aufgaben. Zu nennen sind der Wohnungsbau, die Wiederherstellung von Straßen und Brücken sowie die Wiederinbetriebnahme von Kleinbahnen. Die Landesbibliothek (bis 1943 im Fridericianum) wurde u. a. im Ständehaus untergebracht. Landeskreditkasse und Brandversicherungsanstalt benötigten neue Räumlichkeiten. Leistungen waren für Kriegsopfer und ihre Angehörigen durch die Hauptfürsorgestelle zu erbringen. Die Einrichtungen des Bezirkskommunalverbandes befanden sich alle in sehr schlechtem Zustand, die dort versorgten Menschen waren unterernährt. Erst langsam stellte sich ein geordneter Alltag wieder her, wobei eingehendere Forschungen zu diesem Thema noch ausstehen. In jedem Fall kam es auch in Nordhessen nicht zu einer Sonderverköstigung von Anstaltsbewohnern als NS-Opfer. Überdies hatten die Einrichtungen (insbesondere Haina, Marburg und Merxhausen sowie Breitenau) Sonderaufgaben zu leisten, die u. a. die amerikanische Besatzungsmacht anwies. In Merxhausen z. B. kamen seit 1946 sogenannte Deplaced Persons durch IRO und UNRRA (Internationale Flüchtlingsorganisationen) unter, in Breitenau (hier wurde das Arbeitshaus auf amerikanischen Befehl 1949 aufgelöst) richtete man ein „VD-Hospital“ – Krankenhaus für geschlechtskranke Frauen - ein, in Marburg befanden sich eine Tuberkuloseheilstätte, ein Gefangenenhospital und ein Erziehungsheim. Als neue Einrichtungen des Bezirkskommunalverbandes entstanden ab 1945 weitere Einrichtungen für Geschlechtskranke (Eschwege, Hersfeld, Witzenhausen), Tuberkuloseheilstätten (in Velmeden am Meißner, in Schwarzenborn) und Einrichtungen für heimatlose Jugendliche (so in Ermschwerd und Zennern). Die Orthopädische Klinik Kassel (im Ersten Weltkrieg als Heilstätte Lindenberg gegründet und zunächst nach Arolsen ausgelagert) zog in die Wittich-Kasernen in Kassel-Wilhelmshöhe ein. Die Landestaubstummenanstalt in Homberg/Efze, die von den Nationalsozialisten aufgelöste worden war, wurde wieder eingerichtet.

Seit 1949 setzten die Verhandlungen zur Neuorganisation überregionaler Verwaltung im Bundesland Hessen ein. Als Kompromiss wurde 1953 der Landeswohlfahrtsverband Hessen mit Zuständigkeit für soziale Aufgaben in ganz Hessen durch das Mittelstufengesetz geschaffen. Dazu liegt eine ausführliche Darstellung von Christina Vanja vor.


Die Quellen

Leider ist die Überlieferung vor allem für die Verwaltung des Bezirkskommunalverbandes in Kassel (LWV-Archiv, Bestand 1) sehr schmal. Es sind nur rund 700 Akten erhalten. Darunter befinden sich insbesondere die Beschluss- und Sitzungsprotokolle des Kommunalausschusses und Unterlagen zu den Personalveränderungen. Personalakten (LWV-Archiv, Bestand 100-11) wurden 1953 vielfach, da nur die Beamtenversorgung interessierte, ausgedünnt übernommen. Eine Reihe von Akten betrifft die Einrichtungen, darunter auch die neu gegründeten TBC-Heilstätten, VD-Hospitäler und Flüchtlingsheime. Besser ist die Überlieferung der Einrichtungen: Umfangreichere Registraturen sind insbesondere für die Landesheilanstalten Haina, Marburg und Merxhausen (LWV-Archiv Bestände 13, 16 und 17), für das Arbeitshaus Breitenau, ab 1952 Mädchenjugendheim Fuldatal, (LWV-Archiv, Bestand 2) und das Jugendheim Karlshof in Wabern (LWV-Archiv, Bestand 43) erhalten. Hierzu zählen auch zahlreiche Einzelfallakten sowohl für die Untergebrachten als auch für das Personal. Begrenzt ist dagegen die Überlieferung der Lungenheilstätten und anderer Erholungsheime (zum Beispiel für das Kindersolbad Karlshafen, LWV-Archiv, Bestand 5). Hinzuweisen ist schließlich auf die Fotosammlung mit Aufnahmen, die im Zusammenhang mit den Band „Achtzig Jahre Kommunale Selbstverwaltung“ (erschienen 1948) gemacht wurden.


Literaturhinweise

Wolfgang Ayaß: Das Arbeitshaus Breitenau. Bettler, Landstreicher, Prostituierte, Zuhälter und Fürsorgeempfänger in der Korrektions- und Landarmenanstalt Breitenau (1874-1949), Kassel 1992.

Eduard Becker: Achtzig Jahre Kommunale Selbstverwaltung im Regierungsbezirk Kassel 1867-1947, Kassel 1949.

Manfred Klüppel: Euthanasie und Lebensvernichtung am Beispiel der Landesheilanstalten Haina und Merxhausen. Eine Chronik der Ereignisse 1933-1945. Kassel 1985.

Walter Mühlhausen: Der Kommunalausschuss im Wiederaufbau 1945-1953, in: Jens Flemming / Christina Vanja (Hg.): „Dieses Haus ist gebaute Demokratie“. Das Ständehaus in Kassel und seine parlamentarische Tradition (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien Band 13), Kassel 2007, S. 81-102.

Gunnar Richter: Das Arbeitserziehungslager Breitenau (1940-1945). Ein Beitrag zum nationalsozialistischen Lagersystem. Straflager, Haftstätte und KZ-Durchgangslager der Gestapostelle Kassel für Gefangene aus Hessen und Thüringen, Kassel 2009.

Peter Sandner / Gerhard Aumüller / Christina Vanja (Hg.): "Heilbar und nützlich". Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg an der Lahn (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien Band 8), Marburg 2001.

Peter Sandner: Verwaltung des Krankenmords. Gießen 2003.

Christina Vanja / Martin Vogt: Euthanasie in Hadamar. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in hessischen Anstalten, Kassel 1991.

Christina Vanja: Gründung und Aufbaujahre des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, in: Jens Flemming / Christina Vanja (Hg.): „Dieses Haus ist gebaute Demokratie“. Das Ständehaus in Kassel und seine parlamentarische Tradition (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien Band 13), Kassel 2007, S. 103-112.

Christina Vanja: Psychiatriemuseum Haina / Haina Psychiatry Museum (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Kataloge Band 3), Petersberg 2009.

Christina Vanja: Haina – Vom Kloster zum Gesundheitszentrum, in: Gerold Götze, Christina Vanja, Bernhard Buchstab (Hg.): Klosterkirche Haina. Restaurierung 1982-2012. Stuttgart: Konrad Theiss Verlag 2011, S. 17-33.


LWV-Hessen-Staendehaus Bombenangriff
Das Ständehaus nach dem Bombenangriff, Foto um 1944 (Stadtmuseum Kassel)


LWV-Hessen-Haering-uebergangsverwaltung
Landeshauptmann Georg Häring mit Mitarbeitern der Übergangsverwaltung, Foto 1952 (LWV-Archiv)


LWV-Hessen Kassel Wittich Kasernern 1963
Orthopädische Klinik Kassel in den Wittich Kasernen 1963 (LWV-Archiv)


LWV-Hessen Schwestern Meissner
Lungenheilstätte am Meißner, Foto um 1950 (LWV-Archiv)


Archiv LWV-Hesen Mahnmal Lichthof-1
Gedenktafel im Ständehaus Kassel aus dem Jahr 1991 (LWV-Archiv)