Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung

Das Thema Zweiter Weltkrieg in der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung

In der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung werden Dokumente zur Geschichte der Frauenbewegung aus dem Zeitraum 1850 bis in die 1970er Jahre gesammelt. Dabei handelt es sich in erster Linie um Nachlässe und Bestände von Frauenorganisationen, aber auch um Fotosammlungen und thematisch geordnete Sammlungen archivarischer Einzelstücke.

Die Befreiung Deutschlands im Jahr 1945 und das Ende des Zweiten Weltkrieges hatten auch und gerade auf die Entwicklung der Frauenbewegung einen erheblichen Einfluss. 1933 waren die liberalen, jüdischen, sozialistischen und pazifistischen Strömungen der Frauenbewegung verboten worden. Ihre Mitglieder gingen in die innere Immigration, in den Widerstand, wanderten aus oder wurden ermordet. Dies führte 1945 dazu, dass einige der Überlebenden und viele „junge“ Frauen das Gefühl hatten, versagt zu haben und daran gingen, neue und überparteiliche Frauenorganisationen zu gründen. Den Beginn des frauenpolitischen Engagements 1945 schilderte z.B. die Frankfurterin Fini Pfannes später in einem Zeitungsinterview: “Bereits im Mai 1945, einige Wochen nach der Besatzung unserer Stadt durch amerikanische Truppen, traf ich zufällig auf der Straße Helli Knoll, die mir aus den Jahren 1930 bis 33 als Journalistin und Gegnerin des Nationalsozialismus bekannt war. Wir beschlossen, die Wiedererrichtung des schon vor 1933 bekannten und angesehenen Frauenverbandes in Angriff zu nehmen.“1


Dieser feministische Aufbruchwille zeigte sich auch in Kassel; allerdings wurde hier erst recht spät ein unabhängiger Frauenverband gegründet, der auch nicht lange Bestand hatte. Dafür setzte sich eine andere Kasselerin umso mehr für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein, die Juristin Elisabeth Selbert, die als eine von vier Frauen im Parlamentarischen Rat den Satz im Grundgesetz durchsetzte: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Selbert war eine derjenigen, die direkt nach 1945 wieder politisch aktiv wurden und sich in Kassel und später im hessischen Landtag für den Wiederaufbau einsetzte. Dass dies direkt nach dem Zweiten Weltkrieg nicht immer leicht war, zeigen diverse Reiseerlaubnisse, die aus ihrem Nachlass stammen. Darin wird deutlich, wie schwierig selbst der Weg von Melsungen nach Kassel direkt nach 1945 war.


Neben dem politischen Aufbau setzte auch der gesellschaftliche Aufbau langsam aber sicher ein. Dabei waren es nicht nur Häuser und Verwaltungsgebäude, die neu wieder aufgebaut werden mussten. Auch Sportvereine gingen in Kassel nach 1945 wieder daran, ihre häufig zerstörten Vereinsheime wieder aufzubauen. So auch der Casseler Frauen-Ruder-Verein e.V., gegründet 1913 und damit einer der ältesten Frauenrudervereine Deutschlands, der durch die Luftangriffe auf Kassel sein Bootshaus an der Fulda und damit auch seinen gesamten Bootspark verloren hatte. Erst im Jahr 1948 verfügte der Verein wieder über das erste Boot und erst im Jahre 1961 konnte das neue Bootshaus am Auedamm eingeweiht werden. Im Bestand des Casseler Frauen-Ruder-Vereins, der im Archiv der deutschen Frauenbewegung verwahrt wird, befinden sich zahlreiche Fotos und Dokumente, die das Wiederaufleben des Vereins nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zeigen. So auch das Protokollbuch, in dem die erste konstituierende Sitzung des Vereins vom 5.10.1946 protokolliert ist.


Ein ganz besonderer Fund in diesem Nachlass ist auch die Privatkorrespondenz der langjährigen Vorsitzenden Lotte Cloos, die das Kriegsende in Oberkaufungen erlebte, wohin sie nach der Ausbombung in Kassel evakuiert war. Sie schildert darin den Hinterbliebenen von während des Einmarsches der Amerikaner gefallenen jungen Wehrmachtssoldaten. Diese Korrespondenz ist ein sehr erschütterndes Zeugnis der Sinnlosigkeit soldatischen Sterbens in den letzten Tagen des Krieges.

 

1. Thomasius, Jutta W.: Vor 20 Jahren ein Appell an die Frauen. der Frankfurter Frauenverband feiert am 25. Januar Jubiläum, in: Frankfurter Neue Presse vom 23.2.1966.

Archiv deutsche Frauenbewegung Reisedokument-1945 engl
Reiseerlaubnis für Elisabeth Selbert. (Archiv der deutschen Frauenbewegung, NL-P-11 ; 00009M09)


Archiv deutsche Frauenbewegung Reisedokument-1945 engl-2
Reiseerlaubnis für Elisabeth Selbert. (Archiv der deutschen Frauenbewegung, NL-P-11 ; 00009M09)


Archiv deutsche Frauenbewegung Reisedokument-1947 rus
Reiseerlaubnis für Elisabeth Selbert. (Archiv der deutschen Frauenbewegung, NL-P-11 ; 00009M09)


Archiv deutsche Frauenbewegung-1947-Bombentrichter
Ruderinnen des CFRV beseitigen 1947 Bombentrichter auf dem Grundstück am Auedamm 35 (Archiv der deutschen Frauenbewegung, NL-K2-00247)


Archiv deutsche Frauenbewegung-1949 Ruderinnen
Ausfahrt im ersten 4er nach dem Krieg 1949, im Hintergrund zu sehen, die Ruinen der Wäscherei Jacob (Archiv der deutschen Frauenbewegung, NL-K-02)


Archiv deutsche Frauenbewegung-Bild zu CFRV 1946
Genehmigung und Protokoll zur Neu-Gründung des CFRV 1946 (Archiv der deutschen Frauenbewegung, NL-K-02 ; 21-2 und NL-K-02 ; 21-7)


Archiv deutsche Frauenbewegung Bild zu pdf Brief Gefallener
Brief von Lotte Cloos an Familie des gefallenen Soldaten Otto D. (Archiv der deutschen Frauenbewegung, NL-K-02)