Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes

Aspekte des Ersten Weltkriegs im Spiegel des LWV-Archivs (Bereich Nordhessen)

Christina Vanja

Der im Jahre 1953 gegründete Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) hat von seinen Rechtsvorgängern umfangreiche Aktenbestände zur Geschichte der Armen- und Krankenfürsorge übernommen. Im Regierungsbezirk Kassel war der preußische Bezirkskommunalverband (kurz Bezirksverband) mit Sitz im Kasseler Ständehaus Träger zahlreicher sozialer Einrichtungen, in welchen auch Kasseler Bürgerinnen und Bürger aufgenommen wurden. Die Protokolle des Bezirkskommunallandtages, der über das Verwaltungshandeln des Bezirksverbandes entschied, liegen gedruckt vor. Außerdem befinden sich zahlreiche ältere Druckwerke in der Archivbibliothek. Teil der Fachbibliothek sind zugleich einschlägige wissenschaftliche Studien zur Sozial- und Medizingeschichte des frühen 20. Jahrhunderts.

Zur Zentralverwaltung des Bezirksverbandes Kassel sind nur wenige Akten erhalten. Insbesondere gehen Personalakten bis zum Ersten Weltkrieg zurück. Überliefert sind beispielsweise Kriegsdienst und Invalidität.

Den größten Anteil der Überlieferung zum Ersten Weltkrieg machen psychiatrische Unterlagen aus. Im Regierungsbezirk Kassel stellten die Landesheil- und Pflegeanstalten Haina (für Männer), Merxhausen (für Frauen) und Marburg (zugleich Aufnahmeanstalt und Klinik) die öffentliche Versorgung psychisch und neurologisch Kranker sicher. Die erhaltenen Aufnahmebücher und mehrere hundert Krankenakten spiegeln die damaligen Diagnosen. Mit dem Kriegsgeschehen hingen insbesondere nervliche Leiden („Kriegszitterer“, männliche „Hysteriker“), aber auch „Melancholie“ nach dem Verlust von Angehörigen zusammen. Die Verbreitung der „Spanischen Grippe“ am Ende des Krieges schlug sich in der Aufnahme von Patienten mit der Diagnose „Encephalitis lethargica“ nieder.

Bekannt ist inzwischen das Hungersterben in psychiatrischen Einrichtungen durch Unterversorgung. Für den Regierungsbezirk steht eine Studie noch aus. Erhalten sind für alle drei psychiatrischen Einrichtungen zum Beispiel Rechnungen über die Verpflegungskosten. Zur Ernährungslage können auch die Patientenakten mit Gewichtsangaben ausgewertet werden. Einschränkungen für die Patientinnen und Patienten brachte überdies die Einrichtung von Kriegsgefangenenlagern und Lazaretten auf dem Anstaltsgelände. Die schlechte Versorgungslage förderte insbesondere Infektionskrankheiten wie Typhus und Tuberkulose.

Die 1874 eröffnete Korrektions- und Landarmenanstalt Breitenau bei Guxhagen war sowohl für den Regierungsbezirk Kassel als auch für den Regierungsbezirk Wiesbaden zuständig. Im Arbeitshaus wurden vor allem Männer aufgenommen, die nach einer Straftat (kleinere Diebstähle, Betteln und Vagabundieren, später auch Zuhälterei) zur Arbeit erzogen werden sollten. Auffallend ist nach Beginn des Krieges die Zunahme von Prostituierten, die sittenpolizeilich praktisch interniert wurden. Nach Kriegsende wurden auch Strafgefangene in Breitenau untergebracht. Die Versorgungslage der Insassen im Ersten Weltkrieg ist im Einzelnen noch nicht erforscht. Neben allgemeinen Verwaltungs- und Rechnungsunterlagen sind insbesondere Akten von Korrigenden und Landarmen erhalten.

Erste Heilanstalten für Körperbehinderte („Krüppel“) wurden schon vor dem Ersten Weltkrieg zumeist in privater Trägerschaft eröffnet. Durch die schweren Verletzungen bei Soldaten erfuhr die Orthopädie im Verlaufe des Ersten Weltkrieges vermehrt Aufmerksamkeit. Dauerhaft etablierte die seit 1917 in Kassel die Heilstätte Lindenberg als Ausgangspunkt der späteren Orthopädischen Klinik in Kassel-Wilhelmshöhe. Leider ist aus der Frühzeit jedoch nur eine Fotosammlung erhalten.

Inwieweit die Einrichtung für Gehörlose in Homberg/Efze („Taubstummenanstalt“) vom Ersten Weltkrieg betroffen war, ist noch zu erforschen. Der entsprechende Aktenbestand im LWV-Archiv setzt erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Hier, wie auch für andere Einrichtungen des Bezirksverbandes Kassel, kann aber auf Deposita im Hessischen Staatsarchiv Marburg zurückgegriffen werden.

Die Jugendhilfe (Fürsorgeerziehung) befand sich bis in die 1920er Jahre noch in staatlicher Hand (Preußen). Die Überlieferung befindet sich entsprechend im Hessischen Staatsarchiv Marburg.

Leider fehlt im LWV-Archiv auch die Überlieferung der frühen Geschichte der Hauptfürsorgestelle, die sich seit dem Ende des Ersten Weltkrieges der Kriegsbeschädigten und ihrer Angehörigen annahm.

Für die allgemeine Verwaltung und für alle Einrichtungen liegen Personalakten vor, die u. a. auf den vermehrten Einsatz von Frauen als Arbeitskräfte verweisen.

Literatur:
Eduard Becker (Bearb.): Achtzig Jahre Kommunale Selbstverwaltung im Regierungsbezirk Kassel 1867-1947.Kassel 1949

Handbuch des Bezirkskommunalverbandes. Zusammenstellung der für die Verwaltung des Bezirksverbandes des Regierungsbezirks Cassel geltenden Gesetze, Verordnungen, Reglements und sonstigen Bestimmungen. Amtliche Ausgabe. Zweite umgearbeitete und vervollständigte Auflage. Cassel 1913

Verhandlungen des Kommunallandtags für den Regierungsbezirk Cassel. Kassel 1868-1933

Jens Flemming, Christina Vanja (Hg.): „Dieses Haus ist gebaute Demokratie“. Das Ständehaus in Kassel und seine parlamentarische Tradition (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien Band 13), Kassel 2007

Christina Vanja: Bureaus für Kanzlisten, Sekretäre und Techniker – Die Erweiterung des Ständehauses zum Verwaltungsgebäude am Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Gerd Fenner, Christina Vanja (Hg.): Architektur für Demokratie und Selbstverwaltung. 175 Jahre Kasseler Ständehaus (Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien Band 15). Kassel 2011, S. 109-146

Christina Vanja: Kassels medizinische Moderne - Krankenhäuser und Heilstätten um 1900, in: Jens Flemming, Dietfrid Krause-Vilmar (Hg.): Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte. Marburg 2013, S. 233-258

Wolfgang Ayaß: Das Arbeitshaus Breitenau. Landstreicher, Prostituierte, Zuhälter und Fürsorgeempfänger in der Korrektions- und Landarmenanstalt Breitenau (1874-1949). Kassel 1992

Weitere Informationen zum Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen finden Sie auf: www.lwv-hessen.de unter Geschichte.



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